Gewaltfreiheit & Wissenschaft: Herausforderungen für friedenspolitische Wissens- und Bildungsarbeit in der kolonialen Moderne

Der Vortrag fand am 28.11.2018 in der Katharinenkapelle Landau statt. Veranstalter war die Friedensakademie und die Referentin hieß Claudia Brunner.

In ihrem Vortrag unterschied sie zuerst zwischen unterschiedlichen Arten von Gewalt: systemische Gewalt, Terrororganisationen und Selbstmordattentate, da ihnen jeweils völlig verschiedene Motivationen und Anreize zugrunde liegen.

Weiterhin unterscheidet sie zwischen 1. epistemischer Gewalt (EG) und 2. der Kolonialität von Macht, Wissen und Sein.

1. EG meint, dass Wissen ein Teil kultureller Gewalt ist und andere Gewaltformen legitimiert und nährt. Dabei ist zu beachten, dass Wissenschaft und Bildung an sich gewaltfrei sind, sie jedoch für Überheblichkeit und Ideologien anfällig sind.  EG meint symbolische Gewalt, sie ist also nicht sichtbar. Ebenso meint sie psychologische Gewalt (Wir-Gefühle).

Epistemische Theorien besagen, Wissen sei ineffizient, insuffizient und immanent, darum bedarf es einer Mobilisierung, der Machtverteilung und das System ist herauszufordern.

Um das System herauszufordern muss man sich vergegenwärtigen, dass der Kolonialismus in Form der Kolionalität immer noch da ist, er hat nie aufgehört zu existieren. Und er ist verzahnt mit Wissenserwerb und -verbreitung. Weiterführend dazu kann man sich mit „Postkolonialen und Dekolonialen Theorien“ befassen.

Doch was meint Kolionalität (von Macht, Wissen und Sein)?

Ein von ihr angeführtes Beispiel war der „Mohr im Hemd“, ein Gericht, was heute noch in Speisekarten Österreichs zu finden ist.

Wir haben eine Kolonialität der Macht:

  • Der Kapitalismus beutet weltweit aus, der Reichtum der 1. Welt zu Lasten der 2. und noch viel mehr zu Lasten der 3. Welt.
  • Der Staat übt Autorität aus, in jedem Land der Welt
  • Eurozentrismus beherrscht das Wissen. Europa (und damit der weiße Mann) steht im Mittelpunkt der Geschichte
  • Sexualität dient immer nur der Reproduktion, jegliche Abweichung der „Norm“ gilt als krank und wird entsprechend abgewertet.
  • Natur ist nichts weiter als eine Ressource für unsere Bedürfnisse. Sie existiert nur um unserer selbst willen.

Über all diesen Unterpunkten thront der Rassismus als Modus Operandi, er durchzieht alle Handlungen.

Was meint die Kolonialität des Wissens?

Seit der Kolonialisierung wurde die Welt getrennt und geteilt in Kontinente und in Nord/Süd.

Gott ist dabei ungleich Mensch ist ungleich Natur und der Körper ist ungleich Geist. Während die Naturreligionen die Einheit dazwischen erkannt haben, wird er hier verleugnet. Die Theopolitik ist eine Egopolitik.

Kolonialität des Seins ist die Unsichtbarmachung von Wissenden und Interessen, ein globaler und sozialer Evolutionismus und eine Geo- und Körperpolitik des Wissens.

All dies stellt Paradigmen des Krieges und der Gewalt dar, sie legitimieren zur Herstellung der Herrschaftsordnung.

Die daraus folgenden Schlüsse: „Ich darf vernichtet werden, also bin ich nicht!“ und die Nicht-Ethik der gerechten Kriege, denn aus Sicht Frau Brunners gibt es keine gerechten Kriege.

Wie steht es um die Imperialität von Denken und Sein?

Aus „cogito ergo sum“ wurde: „andere denken nicht, also sind sie keine Subjekte“. Dies führte zu „conquero ergo sum“ (ich erobere, also bin ich) und im Laufe der Jahrhunderte auch „extermino ergo sum“ (ich vernichte, also bin ich). Den Startschuss dafür lieferte die „Entdeckung“ Amerikas, die eigentlich nichts anderes als eine Invasion bedeutete. Die Folge davon waren zahlreiche Genozide/Epistemzide, also epistemischer Rassismus/Sexismus, der sich im Laufe des 16. Jahrhunderts wie folgt niederschlugen:

  1. Genozid an Juden und Muslima in Spanien (Blutreinheit)
  2. Genozid an indigenen Gruppen in Amerika (Seele)
  3. Genozid an Schwarzen in Afrika (Rasse)
  4. „Hexenjagd“, Verfolgung und Ermordung von Frauen und Ketzer*innen (Sexualität)

Der 5. Epistemzid ist die Unterwerfung der Natur.

Modernität ist die Kehrseite der Kolonialität, wir haben heute eine Rassifizierung und Sexualisierung im globalen Maßstab.

Die Herausforderungen für UNS sehen nun wie folgt aus:

  • Es gab bereits von 2000 – 2010 eine UNO Dekade „Kultur des Friedens“, womöglich brauchen wir ein Jahrhundert des Friedens!
  • Die Menschenrechtsbildung muss sich etablieren und sowohl medial als auch finanziellen Rückenwind von Stadt und Staat erfahren.
  • Es bedarf einer Global Citizenship Education zur Dekolonialisierung der Welt.

Der Begriff Gewalt als politisches Instrument der kolonialen Moderne muss verengt werden, er darf nicht inflationär verwendet werden, da er andernfalls seine Wirkung verliert.

Zuletzt stellt sich die Frage nach moralisch überladenen Begriffen: „Wissen wir, was Frieden ist, sobald wir wissen, was Kultur ist?“

Der Begriff „Kultur“ kam auf im 18./19. Jahrhundert, also während der Hochzeit der Kolonialisierung. Damit wurde Kultur mit „Zivilisation“ gleichgesetzt. Inzwischen spricht man auch von „Hochkulturen“ wie denen der Maya oder Inka oder Azteken. Doch gleichzeitig wertet man damit andere Kulturen wie die der indigenen Bevölkerung Amerikas zum Beispiel ab.

Nun sei noch ein kurzer Schwenk ins British Museum gemacht, einem „Paradebeispiel von Wissen und Kultur“. Hier gibt es unzählige Güter aus aller Welt, Raubgüter. Und sie werden als „Wissen“ deklariert. Genau dies stellt die Quintessenz des westlichen Verständnisses von „Wissen“ und „Kultur“ dar: Im Rest der Welt Dinge rauben, sie in Museen ausstellen und sich selbst als kultiviert und zivilisiert darstellen.

Als letztes wollte Frau Brunner einen argentinischen Literaturwissenschaftler, Mignolo, zu Wort kommen lassen, der 2012 sagte: „Wenn die Erkenntnis ein imperiales Instrument der Kolonialisierung ist, dann ist die Dekolonialisierung der Erkenntnis eine der dringendsten Aufgaben.“ Was er damit meint, ist vermutlich folgendes: Wir müssen lernen, Erkenntnisse über andere Bevölkerungsgruppen auf andere Weise zu beschaffen als bisher. Statt hinzufliegen und ihnen ihre Kulturgüter zu entreißen, sollten wir vielleicht dazu übergehen, mit ihnen zu reden und sie um Leihgaben zu bitten oder darum, die Güter zu fotografieren oder zu filmen. Friedlicher Dialog als Instrument der Erkenntnis ist meiner Meinung nach das, was ihm vorschwebt.

Weiterführende Links zum Thema sind:

www.epistemicviolence.info

www.academia.edu

www.aau.at → Zentrum für Friedensforschung und -bildung → Jahrbücher Friedenskultur

www.halfmoonfiles.de

Kontakt zur Referentin ist über folgende Mail möglich:

claudia.brunner@aau.at

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